Pressekritik | SZ 6.4.99

SÜDDEUTSCHE ZEITUNG 6.4.99

Johannes Mössinger
Magie des Monologs

Es ist ein Moment fast irritierender Intimität, wenn da ein Musiker mit zurückhaltendem Gestus ganz allein die Bühne erklimmt, die Hände auf die Tasten legt und ungeschützt sein Innenleben akustisch vor dem Publikum ausbreitet. Nichts bleibt verborgen- ob es die Angst ist vor dem ersten Stück, die fast schmerzhafte Konzentration des völlig freien Spiels, die geplante Dramatik oder die unabsichtliche Hingabe. Und so wenig sich der Solist hinter irgendwelchen Kollegen verstecken kann, können die Hörer sich der Magie des musikalischen Monologs entziehen. Die Musik wird zum Spiegel für die eigenen Bilder, tonale Stimmungen zaubern ganz persönliche filme auf die innere Leinwand. Johannes Mössinger, der junge
Pianist aus Freiburg, zeigt in der Unterfahrt nicht nur ein Kaleidoskop aus Stilen, Rhythmen, klassischen und jazzigen Zitaten, sondern das ganze Spektrum von verkrampfter Intellektualität bis zum seligen Fließen.
Und die neue Unterfahrt, diesmal bar aller verstärkenden Elektronik, wurde erstmals als akustischer und sozialer Raum erfahrbar. Vom knirschenden Klavierhocker bis zur Espressomaschine machte alles Töne. Der sensible Solist kontrastierte poetischen Funkenflug der Töne mit sprudelnden Eruptionen, mischte polyrythmische Läufe darunter und jazzige Kapriolen. Und je offener die Ohren des Publikums an diesem Abend wurden, desto mehr schwebte der Pianist auf einem Meer aus Tönen und schien den Stress des einsamen Spiels zu vergessen.

Dr. Geseko von Lüpk

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